ERASMUS+ Praktikum

Gut gegen Heimweh

Ich geb’s zu, mich hat’s erwischt. Heimweh. Und ich dachte immer, das trifft nur kleine 10-jährige Mädchen, die im einwöchigen Ferienlager zum ersten Mal von ihren Eltern getrennt werden. Falsch gedacht. Aber was hilft Trübsal blasen, jetzt heißt es rausgehen, ablenken, Spaß haben und bloß nicht an zuhause denken. Oder gerade doch? So jedenfalls gehe ich gerade damit um …

So hochmotiviert und voller Euphorie wie ich gestartet bin, hätte ich wirklich mit keiner Silbe daran gedacht, dass ich mich jemals in diesen fünf Woche zurück nach Hause wünschen würde. Heimweh stand wirklich nicht auf dem Plan. Eher hätte ich damit gerechnet, nicht mehr zurückzuwollen, als heulend in meinem Zimmer meine Situation zu beklagen. Doch irgendwann trifft es wohl jeden, der einmal für eine längere Zeit von Zuhause weg ist. Der Kulturschock, die Sprache, der neue Tagesrythmus und nicht zuletzt das Alleinsein. Ja, damit bin ich wirklich nicht allein, das Internet ist voll mit solchen Geschichten. Doch was hilft nun dagegen? Das sind meine Tipps:

1. Sport

Wer mich kennt weiß, ich kann nicht ohne. Ich stehe einfach immer unter Strom, muss ständig in Bewegung sein und kann nicht länger als zwei Tage auf mein Fitnessstudio verzichten. Was würde also besser helfen, als diese heimische Gewohnheit in meiner neuen Umgebung nachzuempfinden?! Und tatsächlich bietet eines der zahlreichen Fitnessstudios hier in der Region auch Tageskarten an. Nicht gerade günstig, aber unsäglich effektiv gegen Bewegungsdrang und trübe Gedanken.

Ich beim Fitness // ISO 400, 1/50 Sek, f/3,5

2. Die Umgebung erkunden

Bis vor kurzem war ich der festen Überzeugung, dass diese Stadt nicht viel mehr zu bieten hätte, als ich meinen ersten Tagen hier schon erkundet habe; ein hübscher, künstlich angelegter Fluss, eine nette Altstadt und viele teure Geschäfte. Super. Doch damit habe ich Perpignan ziemlich Unrecht getan. Dieser Ort hat weitaus mehr in petto!

Es passierte ganz zufällig, ich wollte eigentlich mit meiner Mitbewohnerin shoppen gehen, doch sie musste länger arbeiten und schließlich absagen. Mein Kühlschrank sah bis auf zwei Sojajoghurts und ein Stück Käse ziemlich mager aus und so nutzte ich den Nachmittag für eine ausgedehnte Einkaufstour. Gerade auf dem Weg zum Bäcker weckte eine kleine Boutique meine Aufmerksamkeit und das 10-jährige Mädchen kam wieder durch, als ich die traumhaft schönen Brautkleider, die dort hingen, entdeckte. Wie schön! Und, wo geht’s denn da hin? Direkt dahinter, eine unscheinbare Gasse entlang, schlängelte sich ein Weg direkt in eine Markthalle, die einem anderen Jahrhundert entsprungen zu sein scheint. Stände mit frischem Obst und Gemüse, Fisch und Fleisch, Brot und Gebäck – so ziemlich alles, dass das Herz begehrt. Oder der Magen. Jedenfalls war ich so begeistert, dass ich mich heute Morgen noch vor dem Frühstück auf den Weg dorthin machte, um das Ganze noch einmal im französischen Wochenendtrubel zu erleben. Auf jeden Fall einen Ausflug wert!

Obst- und Gemüsestand in „Les Halles Vauban“ // ISO 200, 1/50 Sek, f/,7
Lädt zum Verweilen ein: eine der vielen Theken der Markthalle // ISO 250, 1/20 Sek, f/1,7
Stärkung gefällig? Hier gibt’s viele Köstlicheiten, auch to go// ISO 160, 1/50 Sek, f/1,7

3. Organisation schaffen

Einfach in den Tag hineinzuleben, schien mir noch nie eine gute Lösung gewesen zu sein. Ich brauche einen Plan, Struktur, Organisation. Ich erstellte mir eine Monatsübersicht und hinterlegte deutlich mein Abreisedatum. Dann trug ich Dinge ein, die ich für die kommende Tage schon geplant hatte und markierte Ereignisse, auf die ich mich besonders freute, farblich. Bereits vergangene Tage strich ich durch. So mache ich es nun seit einigen Tagen und führe mir so jeden Tag vor Augen, was für schöne Erlebnisse hier noch auf mich warten und wie schnell die Zeit eigentlich vergeht.

Meine Monatsplanung // ISO 64, 1/60 Sek, f/1,7

4. Die Gründe für die Reise sehen

Wenn man Heimweh hat, hat man immer das Gefühl, dass zuhause irgendwie alles besser wäre. Es ist nicht nur, dass man seine Freunde und Familie vermisst, man vermisst das heimische Lebensgefühl, die Mentalität, die Geborgenheit und die Gewohnheiten. Alles ist bekannt und man fühlt sich ja eigentlich ganz wohl dort. Oft vergisst man dann auch die Gründe, warum man überhaupt weggegangen ist und dass zuhause ja auch nicht alles perfekt ist. Also warum bin ich hier? Weil ich meiner Routine entbrechen wollte, etwas Neues sehen und erleben wollte. Ich wollte selbstständiger werden, über mich hinauswachsen und viele, viele Erfahrungen sammeln. Deshalb bin ich hier und ich war und bin schon jetzt in allen Punkten erfolgreich gewesen. Denn egal, wie schwer es manchmal sein mag, von so einer Reise kann man nur profitieren. Das einzusehen, ist vermutlich nur das Schwerste daran.

5. Die schönen Dinge vor Ort schätzen

Dass man die schlecht gelaunten Berliner Busfahrer vermisst, kann man nun wirklich keinem glaubhaft erzählen. Hier hingegen wird man im Bus mit einer unfassbaren Freundlichkeit empfangen – auch morgens um zehn vor acht. Und auch sonst überall strahlen die Menschen hier eine unglaubliche Zufriedenheit aus. Der allgemeine Umgangston ist einfach ein paar Oktaven netter als zuhause. Und diese fantastischen Croissants … Man werde ich die vermissen! Und habe ich eigentlich schon gesagt, dass mein Arbeitsweg hier nur halb so lang ist, wie in Berlin? …

Es gibt viele Dinge, die woanders besser sind als zuhause. Man neigt nur oft dazu, sie nach viel zu kurzer Zeit als gewöhnlich hinzunehmen. Was schade ist, weil man ihren Wert dann erst erkennt, wenn sie nicht mehr da sind. Sich diese schönen Kleinigkeiten vor Augen zu führen, kann so unglaublich guttun und die Sehnsucht nach zuhause ein bisschen minimieren, sodass man sich wieder auf das Positive vor Ort zu konzentrieren kann.

6. Pläne für die Heimkehr machen

Es erscheint paradox, doch das ist das, was mir wahrscheinlich mit am meisten hilft. Dinge, auf die ich mich besonders freue, wenn ich zurück nach Berlin komme, schreibe ich auf. Es können Kleinigkeiten sein, wie in meiner Lieblingseisdiele Eis essen zu gehen oder Dinge, die ich sonst regelmäßig tute, auf die ich nun verzichten muss. Das sind zum Beispiel die monatlichen Wochenmarktbesuche auf dem Kollwitzplatz (sehr empfehlenswert!) oder die Mädelsabende am Freitag. All diese Dinge, habe ich immer gerne getan und mich auch darauf gefreut, doch nun habe ich sie neu zu schätzen gelernt. Es zeigt mir, wie viel mir an meiner Heimat liegt, wie sehr ich an ihr hänge und wie gerne ich dort und nirgendwo anders wohnen möchte.

Kleine Lichtblicke für die Rückkehr // ISO 64, 1/60 Sek, f/1,7

7. Vor Augen führen, wie begrenzt die Zeit hier ist

Routine ist schön. Sie gibt einem Sicherheit und das Gefühl Ordnung und Struktur im Leben zu haben. Doch manchmal ist Routine eben auch nicht schön. Jetzt zum Beispiel. Mein Aufenthalt hier ist zeitlich so begrenzt und eigentlich nur ein großes Abenteuer. Ich habe nicht vor, hier für immer zu bleiben und so ist es ist okay, mein Zuhause zu vermissen. Ich lerne, all die schönen Sachen zuhause zu schätzen und ebenso die hiesigen.

Noch vor ein paar Monaten, dachte ich darüber nach, wie lange es noch dauert, bis ich diese Reise antreten werde. Nun ist schon beinahe die Hälfte der Zeit herum. Ich glaube, man freut sich immer mehr auf das, was vor einem liegt, als man sich darüber freut, was man gerade hat. Doch vielleicht ist es gerade das, was mich dieses Abenteuer lehrt: nach vorne zu schauen und hin und wieder einfach nur den Moment zu genießen.

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