ERASMUS+ Praktikum

Halbzeit

Irgendwie ging es jetzt doch ziemlich schnell; am Mittwoch war genau die Hälfte meiner Praktikumszeit um. Ab jetzt heißt es: die Tage rückwärts zählen! (Wenn ich das nicht vorher schon getan hätte). Jedenfalls dachte ich, dass das doch ein guter Anlass wäre, einen kleinen Rückblick auf meine bisherigen Erfahrungen und Erlebnisse hier in Frankreichs Süden zu werfen …

Wie heißt es so schön: erst die Arbeit, dann das Vergnügen?! Also fange ich mit meiner Arbeit hier an, die ja schließlich auch der eigentliche Grund für meinen Aufenthalt ist. Ich möchte vorwegnehmen, dass ich von Anfang an ohne große Erwartungen und mit der Einstellung, dass es ja um das große Ganze geht, in mein Praktikum gestartet bin. Ich war mir darüber im Klaren, dass ich nur eine Kurzzeitpraktikantin in meinem Praktikumsbetrieb sein würde und man mir keine super-wichtigen, mega-aufregenden Aufgaben zutragen würde. Dass ich jedoch tageweise frei („Homeoffice“ – na sicher) bekommen würde, weil mein Chef und sein Angestellter zu beschäftigt seien, um sich um mich zu kümmern, geschweige denn mit Aufgaben zu versorgen, und meine einzigen gestalterischen Aufgaben innerhalb der ersten drei (!) Wochen die Digitalisierung der kreativen Ideen meines Chefs sein würden, damit habe ich wirklich nicht gerechnet. Nicht, dass ich mich über die freien Tage beschweren würde! Aber ich habe doch gehofft, auf beruflicher Ebene ein wenig mehr von meinem Praktikum profitieren zu können. So viel dazu.

Kommen wir also zum Vergnügen. Die richtige Work-Life-Balance ist bekanntlich der Schlüssel zu einem gesunden Lebensstil und so habe ich es mir natürlich auch nicht entgehen lassen, das ein oder andere von meiner Reise auf touristischer Ebene mitzunehmen. Denn – das muss ich jetzt einfach so sagen – irgendwie ist das hier doch zu wenigstens 50% auch Urlaub …

Ein bisschen Touri muss man schon sein dürfen: ich beim shoppen in der Altstadt // ISO 40, 1/1600 Sek, f/1,7

Zuerst sollten an dieser Stelle natürlich all meine Ausflüge genannt werden; nie hätte ich gedacht, mal an jedem Wochenende eine andere Stadt sehen zu können! Es ist fantastisch, was für Möglichkeiten man von hier aus hat. Begonnen mit Barcelona, über Montpellier bis hin zu Perpignan natürlich, sowie Girona und Toulouse, die noch folgen sollen. Jeder Ausflug und jede Stadt schreiben ihre eigenen Geschichten und so werden die Wochenenden wirklich nie langweilig! Doch auch die Wochentage unterscheiden sich hier so stark von meinem Alltag in Berlin. Es ist nicht nur die Umgebung, die Arbeit und das Wohnen. Es ist eine komplett andere Lebenseinstellung. Ich habe hier bisher wirklich JEDEN Tag voll ausgeschöpft, Dinge unternommen – große und kleine – und versucht, meine Freizeit so abwechslungsreich, wie irgend möglich zu gestalten. Und es ist mir zu meiner vollsten Zufriedenheit gelungen. Jeder Tag war irgendwie aufregend und erlebnisreich und das ist etwas, das ich unbedingt mit nach Hause nehmen möchte.

erstes Wochenende: Barcelona // ISO 125, 1/2000 Sek, f/3,2
zweites Wochenende: Montpellier // ISO 40, 1/3200 Sek, f/1,7
drittes Wochenende (und an jedem Wochentag): Perpignan // ISO 200, 1/2000 Sek, f/4

Eine weitere Erfahrung, die ich hier gemacht habe, ist wirklich wegweisend für meine Zukunft. Es geht um das WG-Leben. Noch vor meiner Abreise stand für mich fest, dass ich mich der Bequemlichkeit des Zuhausewohnens nicht mehr all zu lange hingeben möchte und hoffentlich in naher Zukunft ausziehen könnte. Eine WG erschien mir zu dem Zeitpunkt gar keine so schlechte Lösung zu sein; man würde sich Küche, Bad und Miete teilen und trotzdem in seinem eigenen Zimmer einen Rückzugsort finden. Hier habe ich sogar mein eigenes Bad und will trotzdem nie wieder in einer WG wohnen. Es ist nicht so, dass ich mit meinen Mitbewohnern nicht zurechtkäme; sie sind alle super nett und wir unternehmen sogar viel zusammen. Dennoch gehen die Ansichten über einen gepflegten Haushalt hier ziemlich auseinander, was auf Dauer einfach anstrengend ist. Etwas Gutes hat die WG immerhin: ich habe so viele neue Leute kennengelernt. Besonders die ersten Tage wären bei weitem nicht so leicht gewesen, hätte ich mich nicht schon da so gut mit meiner Mitbewohnerin verstanden.

Apropos neue Leute … Ich würde nicht behaupten, dass ich vor meiner Reise nicht kontaktfreudig oder sogar schüchtern gewesen wäre. Das wäre wirklich gelogen. Doch bereits innerhalb dieser drei Wochen habe ich an mir selbst festgestellt, wie viel aufgeschlossener ich geworden bin. Nie konnte ich ganz verstehen, wie Menschen, die eine längere Zeit im Ausland waren, nur durch die Tatsache, dass sie im Ausland waren so viel selbstbewusster werden konnten. Bis jetzt. Es ist wohl das Wissen darüber, dass wenn man nicht aus sich herauskommt, Leute anspricht, auf Menschen zugeht, man völlig allein bleibt. Und damit zurecht zu kommen ist nicht leicht. Aber auch das habe ich hier in Frankreich gelernt. Mich selbst zu beschäftigen, war zuhause nur eine Sache von ein paar Stunden. Ich meine, wann war ich schon mal allein zuhause? Mit dem Betreten des Flugzeuges nach Barcelona vor drei Wochen hat sich das schlagartig geändert. Ich musste lernen, mich selbst zu organisieren, Kontakte zu knüpfen und die Initiative zu ergreifen, um neue Freundschaften zu schließen und meine Freizeit gemeinsam mit anderen zu verbringen. Ich habe jedoch auch gelernt, dass es schön sein kann, Zeit nur für sich zu haben. Allein zu Abend zu essen, bedeutet nicht, allein zu sein. Es ist nur eine Frage der richtigen Einstellung.

Abendessen allein kann auch schön sein // ISO 400, 1/10 Sek, f/1,7

Doch auch wenn sich das jetzt alles so anhört, als würde ich hier beinahe gar nicht mehr wegwollen, vermisse ich nach wie vor meine Heimat. Ich vermisse mein geliebtes Berlin, meine Familie und Freunde, ich vermisse meine gewohnte Umgebung, mein Auto und manchmal auch ein bisschen den Luxus, noch zuhause zu wohnen und sich eben nicht um alles selbst kümmern zu müssen. Aber das ist auch gut so, denn so habe ich mein Zuhause erst richtig schätzen gelernt und ich glaube, so ist es auch okay, die Tage bis zu meiner Heimreise rückwärts zu zählen.

2 Kommentare

  • Kathrin

    Liebe Sofie,

    ich freue mich jedes Mal, wenn ich einen neuen Artikel von Dir auf Deinem Blog finde, den ich natürlich sofort lesen muss! Deine Bilder sind zum Neidischwerden und trotz des zwischenzeitlichen Heimwehs (da muss wohl jeder durch, mich hat es damals auch erwischt), scheint es Dir dort richtig gut zu gehen. Heute kam Deine Postkarte an, wir haben uns alle sehr darüber gefreut und wir wünschen Dir noch eine gute zweite Urlaubs…. äh Praktikumshälfte! 😉

    Viele liebe Grüße,
    Kathrin

    • Sofie

      Liebe Kathrin,

      vielen Dank für das tolle Feedback! Das freut mich total zu hören 🙂
      Ich glaube auch, dass man da einfach durch muss. Gibt eben immer Hochs und Tiefs …

      Sag viele Grüße an das ganze Team,
      bis bald 🙂

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