ERASMUS+ Praktikum

Der Zauber von Girona

Wenn Du an Spanien denkst, woran denkst Du dann? Vielleicht an Tapas? An Stierkämpfe? An Barcelona oder Madrid? Wahrscheinlich jedoch nicht an Girona. Noch nie gehört? Dann aufgepasst, denn die gerademal 40 km2 große Stadt hat’s in sich …

Es ist 11:40 Uhr am Busbahnhof von Perpignan und meine Mitbewohnerin und ich sind bereit zur Abfahrt. Nach und nach nehmen alle ihre Plätze ein und mit knapp fünf Minuten Verzögerung geht es endlich los. Ich bin schon ein bisschen aufgeregt und ziemlich gespannt, was uns dort erwarten wird. Schon letzte Woche habe ich eine Liste mit Sehenswürdigkeiten zusammengestellt, damit es auch ja nicht langweilig würde. Und die Bilder sahen wirklich vielversprechend aus! Zunächst liegen jedoch rund 1,5 Stunden Busfahrt vor uns, bis wir in der spanischen Provinz eintreffen würden.

Ich finde, es gibt zwei Arten von Autobahnfahrten: die langweilige, bei der es kaum zu entdecken gibt, es nicht wirklich Spaß macht aus dem Fenster zu sehen und man eigentlich auch genauso gut die gesamte Fahrt verschlafen könnte. Und dann gibt es noch die spannende, ereignisreiche und unterhaltsame Fahrt mit traumhaften Landschaften zu allen Seiten. Scheint, als hätten wir das große Los gezogen, denn genau so eine Fahrt war die Fahrt nach Girona. Der Weg dorthin führte durch die Berge, die so unendlich grün waren. Und wie gut das tat, endlich mal wieder Grün zu sehen! Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal sagen würde, doch im Kontrast zu dem städtischen Leben in Perpignan, ist das eine regelrechte Wohltat für die Augen. Und dann waren da überall alte Gemäuer und Überreste von einst imposanten Anwesen, wie sie so typisch für Frankreich sind. Und so vergingen die anderthalb Stunden wie im Flug, was angesichts der Aussicht beinahe schade war. Doch wir hatten ja noch eine ganze Stadt zu entdecken!

In Girona angekommen, gab es dann kurze Verwirrung, denn der Flixbus-Stop Girona Flughafen war deutlich weiter vom Stadtzentrum entfernt, als angenommen. Hinzu kam, dass dort zwar eine ganze Reihe Taxis vor den Eingängen standen, jedoch kein einziger Linienbus zu sehen war. Auf der Suche nach einer Bushaltestelle mit entsprechenden Busfahrplänen landeten wir schließlich bei der Touristeninformation, die uns einen Fahrplan in die Hand drückte und zurück zu dem Platz verwies, an dem wir zehn Minuten zuvor angekommen waren. Zurück an der Bushaltestelle dann das: der einzige und stündlich fahrende Shuttlebus in die Stadt soll vor einer Minute abgefahren sein. Also doch mit dem Taxi… Beinahe auf dem Weg zum Taxistand, hoffend, dass die Fahrkosten nicht allzu hoch sein würden, bog plötzlich ein Bus um die Ecke. Tatsächlich standen dort auch ein paar Menschen, die offensichtlich ebenso wie wir Richtung Stadtzentrum wollten und ein freundlicher, deutsch-sprechender Mann bestätigte uns, dass dieser Bus uns dort auch hinbringen würde. Deutsche Pünktlichkeit gilt eben nicht überall.

Eine halbe Stunde später erreichten wir eine Tiefgarage und der Bus hielt. Endstation. Ein wenig verwundert folgten wir den Ausschilderungen zum Ausgang und standen schließlich auf einem großen Bahnhofsvorplatz. Ein Lageplan zeigte uns den Weg zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten und so liefen wir los. Unser Weg in die Innenstadt führte etwa anderthalb Kilometer unter einer kunstvoll gestalteten Bahntrasse entlang. Als kreativer, kunstliebender Mensch wurde man gerade dazu eingeladen, alle paar Meter stehen zu bleiben, um ein Foto zu machen. So nahm der Weg zwar etwas mehr Zeit in Anspruch, machte aber auch einfach doppelt so viel Spaß.

Kunstvoll gestaltete Bahnunterführung // ISO 40, 1/320 Sek, f/1.7

Gegen 14 Uhr trafen wir am Placa de la Independencia ein – einem zentralen Platz, der direkt aus einem Märchen entsprungen sein könnte. Zahlreiche Cafés und Restaurants säumten die sonnendurchflutete Fläche, in dessen Mitte sich eine Statue befand. Ein paar sorgfältig angelegte Bäume begrünten den Platz und vervollkommnen das märchenhafte Bild. Nachdem ein paar obligatorische Fotos geschossen wurden, stellten wir uns der Qual der Wahl, in welchem Restaurant wir Mittag essen würden. Zu unserer Überraschung unterschied sich das Angebot hier im Preis deutlich von Frankreich und so hing unsere Entscheidung zum ersten Mal seit Wochen nicht davon ab, welches Restaurant das günstigste war. Auffällig war zudem, wie sehr man sich hier an den deutschen Tourismus angepasst hatte; überall fand man Speisekarten auf Deutsch und es gab sogar ein oder zwei Restaurants mit deutschem Namen. Wir entscheiden uns jedoch für ein einheimisches und kaum hatten wir unser Essen erhalten, wurde uns klar, warum es hier so preiswert war; statt eines regulären Salats erhielt ich vielmehr eine recht überschaubare Tapas-Platte all der Zutaten meines Salats mit gerade einmal einer Handvoll Grünzeug in der Mitte. Meine Mitbewohnerin erhielt statt einer Lasagne ein Stückchen püriertes Hack zwischen Nudelplatten mit Tomatensoße. Und das traurigste an der Sache war, dass die Portionen in ihrer Größe eher einer Vorspeise als einem Hauptgang glichen. Immerhin war mein „Mango-Smoothie“ – ein überzuckerter Milchshake mit Mangoaroma – bis zum Rand gefüllt.

Placa de la Independencia // ISO 125, 1/1000 Sek, f/4

Mehr oder weniger gestärkt brachen wir also auf. Unser erstes Ziel sollten die Basilica Sant Feliu sein, die nur wenige Fußminuten von unserem derzeitigen Standort entfernt lag. Leider war der Eintritt kostenpflichtig, weshalb wir das antike Bauwerk nur von außen bewundern konnten.

Basilica Sant Feliu // ISO 125, 1/1600 Sek, f/4

Dem kleinen Weg an dem Gebäude entlang folgend erreichten wir das nächste Must-See der Stadt: die Arabischen Bäder. Als ich zum ersten Mal auf diesen Begriff stieß, wusste ich wirklich nicht viel damit anzufangen und auch als ich sie schließlich mit eigenen Augen sah, erschlossen sie sich mir nicht so ganz. Was wir dort vorfanden war ein riesiger Park mit Überresten alter Gemäuer, Brunnen und Treppen, von dem aus man eine fantastische Sicht über die Stadt und auf die Berge hatte. Kein Wunder, dass dieser Ort voller Touristen war!

Antiker Brunnen // ISO 125, 1/400, f/2,8
Alte Gemäuer der Stadt Girona // ISO 125, 1/3200 Sek, f/2,8
Fantastische Aussicht über die Dächer der Stadt // ISO 125, 1/3200 Sek, f/2,8

Intuitiv folgten wir den Wegen entlang der historischen Bauwerke bis wir schließlich fernab des Massentourismus auf einem kleinen Wanderweg landeten. Ein wenig orientierungslos aber dennoch unendlich erfreut über die Ruhe und das Grün folgten wir dem Weg zunächst, bis wir irgendwann feststellten, ziemlich weit abseits gelandet zu sein. Einige hundert Meter entfernt ragten die Ruinen der Bäder in die Höhe und so folgten wir den steilen Pfaden, um zu ihnen zurückzufinden. Immer höher führten uns die (nun wieder ausgeschilderten) Wanderwege, als wir plötzlich eine kleine Lichtung erreichten. Wären wir einfach weiter geradeaus gelaufen, hätten wir sicher in wenigen Minuten zurück in die Altstadt gefunden. Doch da war eine kleine, steinige Treppe, die unsere Aufmerksamkeit erregte. Fast hätte ich das Geländer übersehen, das kenntlich machte, dass diese Treppe überhaupt begehbar ist und fast hätten wir das wahrscheinlich Beste an dem gesamten Ausflug, vielleicht sogar das Beste meiner bisherigen Reise verpasst. Was dort oben auf einen wartet, ist eine unbeschreibliche Aussicht über die gesamte Stadt, die alte Stadtmauer und das angrenzende Gebirge. Es herrscht eine Stille, die höchstens ab und zu durch das Zwitschern eines Vogels unterbrochen wird. Die Sonne schien aus ganzer Kraft und die Flora stand in voller Blüte. Das beinahe wolkenlose Blau des Himmels bildete schließlich einen wundervollen Kontrast zum Grün der Palmen und dem Violett der Blüten der Sträucher dort. Das war den steilen Aufstieg allemal wert.

Die Stadtmauer // ISO 125, 1/2500 Sek, f/2,8
Tor zum Wunderland // ISO 125, 1/2500 Sek, f/2,8

Zurück in der Altstadt trafen wir nun wieder auf all die Touristen, die den schweißtreibenden Weg zum Aussichtspunkt offensichtlich nicht auf sich nehmen wollten. Wir stöberten ein wenig durch die Läden der Fußgängerzone und beschlossen nach mittlerweile vier Stunden Aufenthalt hier in Girona und knapp 15.000 gegangenen Schritten unseren Füßen eine Pause zu gönnen. Der Stadtpark wäre ideal. Leider scheint man hier im Süden eine etwas andere Auffassung von Park zu haben, denn auch dieser Park bot nicht viel mehr als einen Kinderspielplatz, ein paar schattenwerfende Bäume und eine riesige abgetrampelte Rasenfläche. Also was nun?

Am Placa de la Independencia wollten wir uns einen Überblick darüber verschaffen, was wir bereits gesehen hatten. Der Bus, der uns zurück nach Perpignan bringen sollte, fuhr erst um 22 Uhr und so hatten wir noch mindestens drei Stunden zum Entdecken. Gut vorbereitet wie ich bin, schaute ich also auf meine Liste der Sehenswürdigkeiten von Girona und stellte mit Erstaunen fest, dass wir, ohne es zu wissen, schon alle neun (!) besucht hatten. Von der Basilica, über Arabischen Bädern, die Stadtmauer, vorbei an der Kathedrale… oh, und natürlich den bekannten bunten Häusern! Diese befinden sich direkt hinter dem Placa und sollten nun wieder unser Anlaufpunkt sein.

Es gibt vier Brücken, die die beiden Seiten der Stadt über den Fluss Onyar miteinander verbinden. Die Häuser, die direkt dem Fluss zugerichtet sind, sind die bunten Häuser. Sie wirken ein wenig heruntergekommen, aber vielleicht sind sie gerade deshalb so ein charmantes Fotomotiv – und Wahrzeichen der Stadt obendrein.

Ich vor den bunten Häusern // ISO 40, 1/1600 Sek, f/1,7

Nach einem weiteren Fotoshooting und einem kleinen Spaziergang entlang des Flusses wollten wir uns ein letztes Mal am Placa niederlassen. Es ist mittlerweile Abend geworden und das Angebot der Lokale lud regelrecht zum Dinieren ein. Das viele Laufen hatte uns hungrig gemacht und außerdem würde uns der Sangria, auf den wir uns beide schon freuten, mit ein paar Tapas sicher besser bekommen. Wir bereuten unsere Wahl nicht; das Essen war göttlich und der Sangria übertraf alle Erwartungen. Der perfekte Abschluss für einen (nahezu) perfekten Tag in Girona.

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