ERASMUS+ Praktikum

Wenn die Slums die Bürgersteige hochklappen und die Altstadt zur traditionellen Prozessionsstrecke wird – Karfreitag in Perpignan

Anders als in Deutschland ist der Karfreitag in Frankreich kein gesetzlicher Feiertag. Ich musste also arbeiten. Als ich endlich Feierabend hatte und voller Elan in Richtung meines Apartments ins Wochenende spazierte, stellte ich schnell fest, dass etwas anders war als sonst…

Um mich hier fit zu halten, habe ich es mir angewöhnt, den Rückweg von der Arbeit immer zu Fuß zu gehen. Auch wenn mich der Weg dabei durch das weniger schöne Viertel der Stadt führte, genoss ich diesen kleinen Spaziergang von rund 30 Minuten immer sehr. Doch am vergangenen Freitag war etwas anders, die Stadt sah verändert aus. Die Slums waren nicht wiederzuerkennen: dort, wo sonst zwielichtige Gestalten vor ihren noch zwielichtigeren Geschäften standen, um auf Kunden zu warten, stand heute kein einziger. Stattdessen tummelten sich zahlreiche Touristen durch die engen Gassen, die ausnahmsweise gar nicht mal so dreckig waren wie gewöhnlich.

Je näher ich meinem Apartment und somit dem Zentrum der Altstadt kam, desto voller wurde es. Das kleine Café unter meiner Wohnung machte vermutlich an diesem einzigen Tag Umsätze für einen ganzen Monat und ich hatte Schwierigkeiten mich überhaupt bis zu meiner Wohnungstür durchzuringen. Mein Chef hatte mir bereits von einer so genannten „Prozession“ erzählt, die jährlich am Karfreitag stattfinden würde – einem traditionellen Umzug, der auf den Heiligen Vincent Ferrier zurückzuführen ist. Dass dieser Brauch jedoch ein so großes Publikum anziehen würde, das hätte ich wirklich nicht gedacht.

Menschentraube vorm Castillet // ISO 40, 1/1600 Sek, f/1,7

Da sich das Wetter ausnahmsweise mal von seiner besten Seite zeigte und ich zudem dem Lärm der Touristen und Schaulustigen entfliehen wollte, schnappte ich mir mein Buch und zog durch die Stadt in den nahegelegenen Park. Noch immer dröhnte durch Lautsprecher in der Altstadt rund um das Stadttor Castillet Musik, wie bereits zwei Tage zuvor. Bei genauerem Hinhören stellte ich jedoch fest, dass es sich dabei nicht um klassische Musik handelte, sondern um trauervolle Kirchenlieder. Noch ein Grund mehr schnell aus der Altstadt zu verschwinden.

Als sich die Sonne langsam senkte und es zu kühl wurde, um draußen zu sitzen, machte ich mich auf den Rückweg zu meinem Apartment. Und gerade in diesem Moment begann der Umzug. Hunderte, beinahe tausende in schwarz gekleidete Menschen zogen durch die Straßen und bildeten diese gewaltige procession. Einige von ihnen trugen diverse christliche Statuen, die Jesus oder Maria nahezu lebensgroß darstellten. Und dann waren da noch solche, die in Ku-Klux-Klan-ähnlichen Hussen den Marsch begleiteten. Ihre Trommeln waren das einzige, was die absolute Stille der Prozession durchbrach. Plötzlich waren da keine Klagelieder mehr und auch das Gemurmel der Zuschauer war während des Umzugs komplett verstummt. Die Stadt lag in einer ungewohnten, beinahe Angst einflößenden Ruhe.

Finale der Karfreitagsprozession: Jesus, der sein Kreuz trägt als lebensgroße Statue // ISO 200, 1/320 Sek, f/2,8

Ich kann nicht genau sagen, wie lange die Prozedur dauerte. Vielleicht eine halbe Stunde? Vielleicht eine Stunde? Doch als ich irgendwann wieder aus meinem Fenster hinunter auf die Ladenpassage sah, war plötzlich nichts mehr von dem mystischen Prozess zu sehen. Der ganz normale Alltag der Bevölkerung von Perpignan war still und heimlich wieder eingekehrt.

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