ERASMUS+ Praktikum

Ostern in Toulouse

Ich muss zugeben, dass Toulouse und ich nicht den besten Start hatten: mein Bus hatte eine knappe halbe Stunde Verspätung und als ich knapp vier Stunden später endlich in meinem Hotelzimmer ankam, wehte mir ein muffiger Geruch entgegen. Trotzdem versuchte ich das Beste aus meinem Kurztrip in die „Ville rose“ zu machen. Das sind meine Eindrücke…

Ein wenig müde von der dreistündigen Fahrt kam ich am Samstagnachmittag kurz vor 17 Uhr in der südfranzösischen Metropole an. Mein Magen knurrte und so beschloss ich, nur schnell im Hotel einzuchecken, meine Taschen abzuwerfen und mich dann auf die Suche nach einem schicken Restaurant zu machen, indem ich mein Osterwochenende ganz entspannt einläuten könnte.

Ich hatte mich für ein Hotel in einem der außerhalb des Zentrums liegenden Stadtteile entschieden, da es die günstigere Variante war und ich dort ja ohnehin nicht viel Zeit verbringen wollte. Und sieben Kilometer bis zur Stadtmitte erschienen mir auch nicht unerreichbar. Ich gab also die Adresse in die Navigation ein, um eine gute Route zu recherchieren und staunte nicht schlecht, als mir Google Maps nicht eine einzige Verbindung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln vorschlug. Na gut, dann müsste ich den Weg eben mittels Stadtplan und Metro-Karte herausfinden. Kann ja nicht so schwer sein.

Zehn Minuten später saß ich im Taxi und hörte mir an, wie mir mein Fahrer in gebrochenem Englisch zu erklären versuchte, für was für ein ungünstig gelegenes Hotel ich mich doch entschieden hätte. Danke für die Info.

Im Hotel angekommen wurde ich von einem netten Mitarbeiter in Empfang genommen, der mich, man mag es kaum glauben, sogar über die gar nicht mal so schlechte Verkehrsanbindung in die Innenstadt informieren konnte. Doch bevor es weiterging, wollte ich natürlich unbedingt mein Zimmer sehen. Schon auf dem Weg dorthin kam mir über den Flur ein eher unangenehmer Geruch entgegen, der leider auch vor meiner Zimmertür nicht Halt machte. Zu hungrig, um weiter darüber nachzudenken, schnappte ich einfach nur meine wichtigsten Sachen und zog los in die Stadt, um endlich etwas Essbares zu finden.

Die Auskunft des Hoteliers war ausgezeichnet und so befand ich mich eine knappe halbe Stunde später auf dem zentralen Place de Wilson des lebendigen Toulouse. Die Auswahl der Restaurants und Cafés war riesig und ich war glücklich, als ich mich endlich für ein gemütliches Plätzchen entscheiden konnte. Ich hatte kaum Platz genommen, musste ich ziemlich schnell feststellen, dass die Menschen hier ein wenig anders tickten, als ich es aus der Heimat gewohnt war. Dass mir nicht bewusst war, dass man in dieser feinen Stadt jene Restaurantgäste, die aßen, von denen, die nur tranken voneinander trennte, schien die Leute um mich herum sichtlich zu amüsieren. Ich fühlte mich unwohl, da konnten auch die äußerst charmanten Kellner nicht viel dran ändern. Auch der exquisite Salat schmeckte jetzt irgendwie nur noch halb so gut und der Appetit auf das Toulouser Nachtleben war mir nun trotz der Partystimmung, die in der Luft lag, vergangen. Ich zahlte und machte mich wieder auf dem Rückweg zur Metro. Doch das soll noch nicht alles gewesen sein. Es war Samstag, was bedeutet, dass die Gelbwesten-Proteste in den großen Städten Frankreichs stattgefunden hatten. Auch in Toulouse war es an diesem Tag erneut zu Auseinandersetzungen gekommen, wobei auch Tränengas zum Einsatz kam. Und so raubte mir diese aufregende Stadt schon am ersten Abend den Atem und ließ ein paar Tränen über meine Wangen kullern.

Dinner am ersten Abend // ISO 64, 1/100 Sek, f/1,7

Ausgeschlafen und hoch motiviert startete ich in den Sonntag. Nach dem Desaster am Tag zuvor konnte es ja eigentlich nur noch besser werden! In meiner Hotelbuchung war kein Frühstück inkludiert, also machte ich mich zunächst auf die Suche nach einem schönen Café, in dem ich die wichtigste Mahlzeit des Tages zu mir nehmen konnte. Meine Befürchtung, dass am Sonntag und an einem Feiertag noch dazu womöglich alles geschlossen sein könnte, bewahrheitete sich glücklicherweise nicht und so fand ich nach kurzer Suche ein nettes kleines Lokal direkt vor der ersten Sehenswürdigkeit, der Basilika St. Sernin. Leider zeigte sich auch hier der Kellner ein wenig reserviert, als ich eine dreiviertel Stunde vor der Eröffnung des Brunch-Angebots nach einem Bagel fragte. Seltsamerweise wurde den kurz nach mir eingetroffenen Einheimischen der Wunsch nach Brunchen nicht verweigert… Nichts desto trotz ließ ich mir mein noch warmes Croissant und das frische Müsli schmecken und startete gut gestärkt in meine Sightseeing-Tour.

Kein Bagel, aber dafür ein frisches, warmes Croissant
Basilica Sant-Sernin // ISO 200, 1/1250 Sek, f/2,8

Von meinem Startpunkt der Basilika aus, in der ich anlässlich des Osterfests, das ich zum ersten Mal nicht mit meiner Familie verbringen konnte, sogar eine Kerze anzündete, lief ich ins Herz der Stadt, zum Capitole. Auch wenn das Wetter leider nicht so ganz mitspielte, versuchte ich ein paar gute Bilder von dem imposanten Gebäude machen zu können und lief anschließend weiter zu der wahrscheinlich berühmtesten Brücke Frankreichs, der Pont Neuf. Die Brücke selbst ist zugegebenermaßen nicht besonders spektakulär – die Aussicht, die man vor ihr aus genießt hingegen schon.

Capitole von Toulouse // ISO 200, 1/1600 Sek, f/2,8
Die berühmte Brücke Pont Neuf // ISO 200, 1/1250 Sek, f/4
Aussicht vom Pont Neuf // ISO 200, 1/2000 Sek, f/3,4
ISO 200, 1/1600 Sek, f/4

Da sich der Himmel immer mehr verdunkelte, beschloss ich wieder einmal ein Touri-Klischee zu erfüllen und ein Museum zu besuchen. Das Musée des Beaux-Arts weckte meinen künstlerischen Entdeckergeist und so machte ich mich auf die Suche. Leider ließ mich mein Orientierungssinn schon bald im Stich und ich lief knappe 20 Minute unwissentlich in die falsche Richtung. Was sich als gar nicht so schlecht herausstellte; meine neue, nun von Google Maps geleitete Route führte mich zu einem riesigen Markt, ja, man könnte beinahe Bazar sagen. Hier wurde alles von Schuhen über Teppiche bis hin zu Koffern verkauft. Ich versuchte über die Aufdringlichkeit der männlichen Verkäufer und Besucher hinwegzusehen und genoss die ausgelassene Stimmung, die auf der gesamten Promenade herrschte.  

Viel los auf dem Markt am Ostersonntag // ISO 200, 1/80 Sek, f/8

Die Straße hinunter entlang der Markstände führte mich mein Weg zu einem Park, dem Jardin des Plantes. Ich entschied mich dazu, in dem kostenfreien Bereich zu bleiben und staunte nicht schlecht, als mir plötzlich – passend zu Ostern – ein paar freilaufende Hühner entgegenliefen. Neben dieser ungewöhnlichen Fauna gab es dort außerdem wunderschöne antike Statuen und natürlich jede Menge Pflanzen, deren Blüten die gesamte Farbpalette abdeckten.

Antike Kunst in voller Blüte // ISO 200, 1/60 Sek, f/8
Passend zu Ostern // ISO 200, 1/80 Sek, f/8

Gerade den Jardin des Plantes verlassend, stolperte ich schon in den nächsten Park, dem Grand Rond – eine aufwendig angelegte Erholungsfläche mit einem riesigen zentralen Springbrunnen und einem wunderschönen Pavillon. Ich wusste sofort, dass ich mich ärgern würde, bekäme ich kein Foto von mir an diesem wunderschönen Ort. Nach kurzem Zögern nahm ich meinen Mut zusammen und sprach eine sympathisch aussehende junge Frau an und fragte sie, ob sie eventuell ein Foto von mir machen könnte. Sie sagte Ja und gerade als ich ihr mein Handy reichen wollte, zeigte sie auf meine Kamera und sagte, dass sie auch die nehmen könnte. Sie sei Fotografin und kenne sich dementsprechend gut mit Kameras aus. Wenn das kein Glückstreffer ist!

Spontanes Fotoshooting // ISO 200, 1/200 Sek, f/8

Weiter auf dem Weg zum Museum kam ich plötzlich an einer beeindruckend aussehenden Kathedrale vorbei. Da musste ich wenigstens einmal kurz reinschauen – und es hat sich gelohnt! Das imposante Bauwerk war kein Vergleich zu meiner ersten Besichtigung an diesem Tag. Die römisch-katholische Kirche weist sowohl gotische als auch romanische Architekturelemente auf und so verspreche ich nicht zu viel, wenn ich von einem atemberaubenden Architektur-Kunstwerk spreche.

Beeindruckend, von außen wie von innen // ISO 200, 1/200 Sek, f/5,6
ISO 200, 1/13 Sek, f/3,1
ISO 200, 1/8 Sek, f/3,2

Als ich das beeindruckende Gotteshaus wieder verlassen hatte, hatte es bereits angefangen zu regnen und so blieb mir nichts anderes übrig, als Zuflucht in dem gegenüberliegenden Lokal zu suchen. Mein Magen knurrte ohnehin schon wieder. Gut gestärkt wagte ich mich wieder nach draußen und kam schließlich nach wenigen Fußminuten im Musée des Augustins/ Musée des Beaux-Arts an. Ich zögerte kurz, betrat dann jedoch die Eingangshalle des Museums. Zu meiner Überraschung hatte ich als Schülerin freien Eintritt und selbst die Garderobe war hier kostenfrei. Was sollte mich also noch abhalten? Ich öffnete die schwere Eingangstür und war erstaunt über das, was ich dort sah: dies war kein Museum im herkömmlichen Sinne, keine riesige Halle und kein gedimmtes Licht, keine abstrakten Gemälde und keine Kunstfanatiker, die versuchten diese zu analysieren. Was ich betrat war ein antikes Atrium mit wunderschönen römischen Säulen und einem im Innenhof liegenden sorgfältig angelegtem Garten. Das Gebäude, das diesen einschloss, beherbergte verschiedene Ausstellungsräume, in denen Statuen zu bewundern waren, deren Ursprung teilweise bis ins Mittelalter reicht. Besonders beeindruckend war jedoch der Lichterraum – ein bunter Raum, in dem zahlreiche Kapitelle, also Säulenköpfe, auf ebenso bunten Säulen aufgestellt wurden. Hinzu kam eine faszinierende Beleuchtung: tiefhängende Lampen erleuchteten den Raum und erfüllten ihn mit einem warmen Licht. Definitiv ein Museumsbesuch der ganz besonderen Art und unbedingt einen Ausflug wert!

Empfang im wunderschönen Atrium // ISO 200, 1/30 Sek, f/4
ISO 125, 1/30 Sek, f/8
Ein Lichtertraum // ISO 125, 3/5 Sek, f/8

Mittlerweile ist es Nachmittag geworden und ich beschloss, dass ich genug gesehen hatte und bald den Rückweg antreten würde. Das Spa-Angebot meines Hotels klang verlockend und ich meinte, dass ich mir eine kleine Auszeit nach diesem aufregenden Tag redlich verdient hätte. Kurioserweise dauerte der Rückweg aus der Stadt deutlich länger als der Hinweg am Morgen und so freute ich mich umso mehr, als ich am Abend endlich den Wellness-Bereich betrat. Leider hielt die Freude nicht lange an, denn außer mir hatte zudem eine französische Großfamilie dieselbe Idee gehabt und diese hatte offensichtlich eine andere Auffassung von Erholung als ich sie habe. Schnell flüchtete ich in die Sauna, in der ich zu meiner Zufriedenheit allein und die zu meinem Entsetzen nur knappe 50°C warm war. Nach 15 Minuten auf der lauwarmen Holzbank und keinem einzigen vergossenen Schweißtropfen freute ich mich auf eine heiße Dusche. Als ich feststellte, dass die einzige funktionstüchtige Dusche auch nach 100-fachem ‚Marche‘-Drücken nicht länger als eine Sekunde Wasser ausspuckte, ging ich, gestresster als zuvor, zurück auf mein Zimmer und sah zu, dass ich den Abend nicht zu lang werden ließ. Von Toulouse hatte ich eindeutig genug.

Fazit: Toulouse ist eine schöne Stadt, aber ich habe eindeutig mehr erwartet. Aus architektonischer Sicht ist die französische Metropole schon recht bewundernswert; die alten, gut erhaltenen Gebäude sind Kunstwerke für sich und machen in ihrem rosa Farbton dem Beinamen der Stadt alle Ehre. Und für einen Sonntag und einen Feiertag noch dazu wirkte die Stadt ausgesprochen lebendig. Aus sozialer Sicht hingegen lässt Toulouse wirklich zu wünschen übrig. Besonders der Mangel an Gastfreundschaft entsetzte mich zutiefst und die Aufdringlichkeit der Männer veranlasste, dass ich mich zum ersten Mal seit meiner Abreise aus Deutschland dabei unwohl fühlte, allein als Frau unterwegs zu sein. Und wer meint, dass Berlin viele Baustellen hat, der hat Toulouse noch nicht gesehen! Nahezu jede Sehendwürdigkeit ist von Bauzäunen umstellt und ist so nur noch halb so schön anzusehen. Am Ende war ich froh, einmal dort gewesen zu sein – um mitreden zu können und ein Häkchen auf meiner Bucketlist zu setzen. Doch ein zweites Mal wird mich die „Ville rose“ ganz bestimmt nicht wieder sehen.

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