ERASMUS+ Praktikum

Vom Dolmetschen und Regale einräumen – mein Auslandspraktikum in 1000 Worten

Geschafft! Gestern Nachmittag war es soweit, mein letzter Arbeitstag war vorüber. Da mein gesamter Frankreichaufenthalt ja eigentlich nur vor dem Hintergrund einer beruflichen Auslandserfahrung entstanden ist, dachte ich, dass es spätestens jetzt an der Zeit wäre, dieser Berufserfahrung einen eigenen Artikel zu widmen…

Ich will ganz ehrlich sein, ich hatte keine großen Erwartungen an mein Praktikum. Ich habe beinahe ein halbes Jahr gebracht, um mich an mein Arbeitsumfeld in meinem Ausbildungsbetrieb zu gewöhnen; wie also sollte ich es hier in nicht einmal fünf Wochen schaffen? Hinzu kommen die sprachlichen Herausforderungen und natürlichen die kulturellen Unterschiede. Aber irgendwas erwartet man ja doch immer. Jedenfalls hatte ich nicht erwartet, in einem Zwei-Mann-Betrieb im Keller eines Privathauses zu arbeiten. Aber wie heißt es so schön? Das Leben steckt voller Überraschungen.

Mein Arbeitsplatz

Den äußeren Arbeitsbedingen zu Trotz muss ich zugeben, dass ich einem sehr netten Team untergekommen war: sowohl der Chef als auch sein Angestellter waren vom ersten Tag an sehr freundlich, aufgeschlossen und stets willig, sich irgendwie mit mir zu verständigen. Und während die ersten Tage noch etwas unbehaglich waren, lockerte sich die Stimmung mit der Zeit immer mehr und schon in meiner zweiten Arbeitswoche lud mein Chef mich und meinen Kollegen zum gemeinsamen Mittagessen ein.

Zunächst fiel es mir gar nicht auf, doch im Laufe meines Praktikums und auch durch Gespräche mit anderen ERASMUS-Praktikanten bemerkte bald ich noch einen weiteren erheblichen Unterschied zu meinem Arbeitsumfeld in Deutschland. Während ich, und viele weitere Arbeitnehmer in Deutschland, den Luxus von flachen Hierarchien im Unternehmen genießen, präsentieren sich die Arbeitgeber hierzulande ganz anders. Wer hier Chef ist, lässt seine Angestellten spüren, dass er oder sie sich nicht nur hinsichtlich des Kontostands von ihnen unterscheidet. Ich finde eine gewisse Diskrepanz zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer richtig und wichtig. Aber am Ende des Tages sollten sich auch französische Chefs eingestehen, dass sie nur Menschen wie du und ich sind. Soviel zum Zwischenmenschlichen.

Was meine Aufgaben angeht, habe ich ja eventuell schon das ein oder andere Mal durchscheinen lassen, dass ich nicht so ganz das große Los gezogen habe. Nachdem ich die ersten Tage damit beschäftigt war, Texte für das Magazin, das mein Unternehmen produziert zu übersetzen, hoffte ich, in den darauffolgenden Wochen mediengestalterisch etwas mehr herausgefordert zu werden. Bis dahin hatte das Ganze nämlich noch nicht wirklich viel mit meinen Ausbildungsinhalten gemeinsam. Immerhin konnte ich mein Französisch ein wenig auffrischen. Bereit, mich neuen Herausforderungen zu stellen und mich einer etwas kreativeren Aufgabe zu widmen, musste ich ziemlich schnell feststellen, dass ich mich damit wohl noch ein wenig gedulden müsste, denn mein Chef schien unter all dem Stress seines großen Projektes vergessen zu haben, auch Aufgaben für mich einzuplanen. Ich ergriff die Initiative und schlug vor, den Nachmittag an meinen Hausaufgaben zu arbeiten – was sich später als ziemlich großer Fehler herausstellte, da er auf diesen Vorschlag öfter als mir lieb war zurückgreifen würde.

So verbrachte ich die zweite Arbeitswoche fast ausschließlich an meinen Hausaufgaben, was einerseits gut war, da ich diese sonst nach der Arbeit hätte machen müssen, andererseits natürlich überhaupt nicht dem Zweck entsprach, weshalb ich hier war. Am Montag der dritten Woche kam ich ein wenig aufgeregt auf der Arbeit an. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass diese Woche genauso ablaufen würde wie die vergangene und so war ich gespannt, was der Tag für mich bereithalten würde. Tatsächlich wurde ich mit einer neuen Aufgabe konfrontiert, die zu meiner großen Enttäuschung jedoch noch immer nicht viel mit meinem Beruf zu tun hatte. Ich sollte lediglich noch einmal die übersetzten Texte lesen und auf etwaige Fehler überprüfen. Und zu meiner aller größten Überraschung war damit das Repertoire an Aufgaben schon wieder erschöpft und ich wurde für den Rest des Tages und den Folgetag ins Homeoffice geschickt, wo ich an meinen privaten Aufgaben weiterarbeiten sollte.

Homeoffice

Nicht, dass ich mich nicht über ein paar freie Tage freuen würde! Aber langsam stellte ich den Zweck meines Praktikums infrage. Wenn ich ohnehin an Aufgaben arbeiten würde, die nicht in Zusammenhang mit meinem Betrieb stehen, wieso bin ich dann die 1500 km hierher geflogen? Natürlich versuchte ich die Zeit bestmöglich zu nutzen, was neben dem Erkunden der Umgebung meistens daraus bestand, all die Artikel zu verfassen, die sich hier mittlerweile angesammelt haben. Aber wie sollte ich sie mit Inhalt über mein Praktikum füllen, wenn gar kein richtiges Praktikum stattfand?

Als ich am Mittwoch wieder ins Büro kam, beauftragte mich mein Chef dann zum ersten Mal damit, etwas zu gestalten – allerdings hatte er dafür schon ganz genaue Vorstellungen. Meine Aufgabe war es also eigentlich nur, seine Ideen zu digitalisieren. Wow, was für eine Herausforderung! Die folgenden „Projekte“ sollten stets so ähnlich verlaufen und spätestens als ich in der darauffolgenden Woche mehrfach zum Regale einräumen aufgefordert wurde, hatte meine Motivation ihren Tiefpunkt erreicht.

Die Tage vergingen und meine Tätigkeiten ergaben eine wenig abwechslungsreiche Mischung aus langweiligen Büroaufgaben, die vielleicht im Entferntesten etwas mit Mediengestaltung zu tun hatten und der Arbeit an meinem Blog – meist im Homeoffice. Eines Tages erhielt ich die Info, dass ich wieder einmal die Hälfte der Woche von zuhause arbeiten sollte; mein Chef sei so sehr damit beschäftigt, die Website zu aktualisieren, dass er keine Zeit hätte, mich zu betreuen oder mir Aufgaben zu geben. Moment mal, Website?! Das ist doch mein Thema! Und tatsächlich konnte ich, nach mehrmaligem Fragen, eine Einführung in die Website-Gestaltung meiner Firma ergattern und mich selbst einmal in dem Designen einer Website versuchen. Ab und zu muss es eben doch ein paar Erfolgserlebnisse geben.

Die letzten Tage verliefen ähnlich wie die vorherigen, simple Gestaltungsaufgaben (wenn man das überhaupt so nennen kann) folgten privaten Aufgaben. Und so war ich froh, als sich mein Praktikum nach und nach dem Ende näherte. Am Mittwoch hatte ich meinen finalen Sprachtest und war deshalb nur am Nachmittag auf der Arbeit. Ähnlich sollte es am Freitag ablaufen: da am Nachmittag noch ein paar organisatorische Dinge zu klären waren, sollte ich nur vormittags arbeiten, wozu es jedoch schließlich gar nicht kam. Als ich gestern in der Mittagspause gerade genüsslich in mein Baguette biss und schon förmlich die Stunden bis zum Feierabend zählte, kam mein Chef auf mich zu. Er offerierte mir, das Praktikum heute schon zu beenden, sodass ich genügend Zeit hätte, mich auf die Abreise vorzubereiten. Als hätte ich zu dem Angebot Nein sagen können…

Oh, und da habe ich bei all dem Ärger ganz vergessen zu erwähnen, dass ich doch wirklich einmal eine wirklich kreative Aufgabe bekommen habe! Nämlich gestern, an meinem letzten Tag. Ich wurde damit beauftragt, das neue Cover für die nächste Ausgabe des Freizeitmagazins zu entwerfen. Beinahe völlig frei in der Gestaltung, nur wenige Restriktionen und fast den ganzen Tag Zeit. Wenn das nicht mal ein Glückstreffer ist! Ich erstellte zwei Entwürfe und präsentierte sie ein wenig nervös und unsicher, wie sie wohl ankommen würden. Zu meiner großen Überraschung war mein Arbeitgeber total begeistert, hatte nur ein paar kleine Änderungswünsche und war sonst völlig fasziniert, was ich innerhalb weniger Stunden kreiert habe. Tja, hätte er mich mal früher machen lassen…

Meine Werke

 Fazit: Ich kann es nicht leugnen, das Praktikum war ein ziemlicher Reinfall. Die wenigen gestalterischen Aufgaben waren weder kreativ noch herausfordernd. Und auch das Arbeitsumfeld war, wenn es nicht gerade mein Apartment war, nicht wirklich zum Wohlfühlen. Am Ende habe ich meinen Arbeitsplatz in meinem Ausbildungsbetrieb umso mehr schätzen gelernt und freue mich, bald wieder dorthin zurückzukehren.

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