ERASMUS+ Praktikum

Rückblick

Ich bin nun seit zwei Wochen wieder zuhause und dachte, dass es nun höchste Zeit wäre, einmal einen Blick zurückzuwerfen. Meine Erlebnisse Revue passieren zu lassen. Meine Erfahrungen zusammenzufassen. Eigentlich wollte ich das schon vor einer ganzen Weile tun, aber natürlich kamen Tausend Sachen dazwischen, als mich der Alltag hier erstmal wieder eingeholt hat. Aber vielleicht ist es auch gar nicht so schlecht, ein wenig Zeit vergehen zu lassen, um die Dinge etwas objektiver sehen und erzählen zu können. Jedenfalls werde ich das jetzt versuchen.

Das Gute zuerst. Neben der Tatsache, dass ich endlich mein Traumziel Südfrankreich bereisen konnte, ist wirklich mal festzuhalten, dass ich noch nie so viele Orte in so kurzer Zeit bereist habe; fünf Städte in fünf Wochen. Und noch verdammt schöne dazu. Barcelona, Perpignan, Montpellier, Girona, Toulouse – zu jeder Stadt gibt es (mindestens) eine Geschichte und unzählige Erinnerungen.

Dass die Reise auf beruflicher Ebene nicht ganz so erfolgreich war, habe ich schon des Öfteren durchscheinen lassen. Ich will mich deshalb diesem eher negativen Teil auch nicht lange widmen, denke aber dennoch, dass es wichtig ist, über das Arbeiten dort im Allgemeinen zu sprechen. Vielleicht auch, um besser verstehen zu können, weshalb ich mir dort keinen langfristigen Arbeitsplatz vorstellen könnte. Zunächst sollte ich hier anmerken, dass natürlich nicht alles schlecht war; die Arbeitszeiten zum Beispiel waren ein großes Plus. Und damit meine ich nicht meine Homeoffice-Tage, sondern die in Frankreich übliche 35-Stunden-Woche. Ob man es glaubt oder nicht, eine Stunde am Tag weniger zu arbeiten, macht enorm viel aus. Hinzu kam, dass ich bereits um 8 Uhr anfing zu arbeiten. Ich bin Frühaufsteherin und begrüße es daher sehr, früh mit der Arbeit zu beginnen – und dementsprechend früher enden zu können. Etwas gewöhnungsbedürftig hingegen war mein Arbeitsplatz. Im Keller eines Privathauses zu arbeiten ist wahrscheinlich nicht nur dann ungewohnt, wenn man aus einem internationalen Unternehmen mit zahlreichen Großraumbüros kommt. Komfort und Wohlfühlfaktor sind in Frankreich jedoch scheinbar zweitrangig, Praktikabilität steht hier an erster Stelle und da wird auch gerne mal auf den Keller als Büro zurückgegriffen. Und nach knapp vier wöchigem Arbeiten in einem französischen Medienbetrieb kann ich nun behaupten, dass an der deutschen Genauigkeit echt was dran ist – jedenfalls wird bei uns beim Flyerdesign nicht nach Augenmaß gearbeitet. So viel zur Arbeit.

Bevor ich meine Reise angetreten habe, war ich ein wahrhaft begeisterter Frankreich-Fan; ich liebte die Sprache, das Land und die Kultur. Jetzt muss ich dazu sagen, dass ich bis dahin nur den Norden des Landes bereist habe. Und der unterscheidet sich gravierend vom Süden! Dass die Franzosen ihre Probleme mit dem Englischen haben, ist wahrscheinlich ein allseits bekannter Fakt. Hat mich bisher auch nicht wirklich gestört. Ein bisschen Interesse und Engagement kann man schließlich auch als Tourist beweisen. Und da ich mit meinem Schulfranzösisch ganz gut durchgekommen bin, hatte ich bisher keinen Grund dazu, mich darüber zu mokieren. Dort im Süden jedoch war das alles ein wenig anders. Die Leute sprachen deutlich schneller und oft mit einem ungewohnten katalanischen Dialekt. Schon beim Verstehen hatte ich häufig meine Schwierigkeiten und umso schwerer war es, dann schnell eine passende Antwort parat zu haben. Und auch der französische Nationalstolz scheint hier noch etwas größer zu sein als in anderen Teilen des Landes. Es zu bevorzugen, die eigene Sprache im eigenen Land zu sprechen, ist die eine Sache. Sich zu weigern, auf Englisch zu kommunizieren, eine andere. Ich war schockiert, als ich am Flughafen von Toulouse nach Auskunft fragte und mir eine angestellte des Bodenpersonals ganz dreist auf meine in Englisch gestellten Fragen auf Französisch antwortete – offensichtlich verstand sie mich ja! Es ging mir in vielen Situationen so: verblüffend und beinahe schockierend empfand ich es, mit welcher Selbstverständlichkeit die Französen das Verständnis ihrer eigenen Sprache voraussetzen, sich der englischen Sprache jedoch so vehement entgegenstellen. Selbst junge Franzosen, kaum älter als ich, gaben zu, kaum bis gar nicht Englisch zu sprechen! Und dieses Nationalbewusstsein reicht noch weiter. Ich habe während meiner Zeit dort einen jungen Franzosen kennengelernt. Wir unterhielten uns ein wenig übers Reisen und er erzählte mir von seinem Leben in einem kleinen Ort in der Nähe von Perpignan. In seinen 24 Lebensjahren hat er nicht einmal Frankreich verlassen – und auch nie das Bedürfnis dazu verspürt! Für mich absolut unvorstellbar. Die Leute dort behaupten, dass die Region ihnen alles biete: die Berge, das Stadtleben, das Meer. Und alles mit ihren französischen Autos in kurzer Zeit erreichbar. Ich glaube mir ist der Norden doch lieber.

Ich jedenfalls kann mich mit diesem, ich würde es beinahe Nationalismus nennen, nicht identifizieren. Nicht nur, weil ich keine Französin bin, sondern vielmehr, weil die Freiheit genieße, überall hinreisen zu können. Die Welt bietet so viele wunderbare Orte, die doch nur darauf warten, (von mir) entdeckt zu werden! Und das ist wohl die erste Fähigkeit, die ich von meiner Reise mitgenommen habe: Aufgeschlossenheit. Zwar würde ich behaupten, schon immer neugierig und hungrig auf Neues gewesen zu sein. Doch hätte ich vor meiner Abreise nicht so leicht einen alleinigen Ausflug in eine fremde Stadt unternommen. Und ich wäre auch nicht so leicht auf neue Leute zugegangen. Und vermutlich wäre ich nicht spontan mit einem Fremden ein Glas Wein trinken gegangen. Einfach so. Ich denke, dass ich selbstbewusster geworden bin, eher Eigeninitiative zeige und selbstständiger geworden bin. Ich habe meinen Blick auf die Dinge verändern können, sowohl im tatsächlichen als auch im übertragenen Sinne: wenn man so lange an einem fremden Ort ist, sieht man die Dinge nicht mehr als Tourist, man sieht sie so, wie sie wirklich sind. Man verschließt die Augen nicht vor den Schattenseiten und Schandflecken eines Ortes. Man nimmt sie aktiv wahr. Auf der anderen Seite habe ich ein klareres Bild davon bekommen, was es bedeutet einen eignen Haushalt zu verantworten. Ich verstehe nun meine Eltern, wenn sie sich darüber aufregten, wenn ich die Küche nicht aufräumte und ich verstehe nun meine Freunde, die sagen, ich solle mich bloß nicht auf eine WG einlassen.

Das mag nun alles sehr kritisch klingen und vielleicht den Eindruck vermitteln, ich würde nur herausgefunden haben, was ich nicht noch einmal sehen und erleben will (was ja auch schon echt viel wert ist!). Doch es gibt eine entscheidende Sache, die ich für die Zukunft gelernt habe und sehr zu schätzen weiß und das ist Akzeptanz. Ich habe gelernt, Gegebenheiten für den Moment einfach so hinzunehmen. In den vergangenen fünf Wochen war ich immer wieder Situationen ausgesetzt, die ich so nicht erwartet hätte und die mir teilweise einfach gar nicht gepasst haben. Dann hatte ich zwei Möglichkeiten: Initiative ergreifen und versuchen, sie zu ändern oder sie einfach als gegeben hinnehmen. Ich würde nicht behaupten, dass es dabei einen richtigen und einen falschen Weg gab. Manchmal war es gut, sich zu bemühen und für eine bessere Lösung einzusetzen. Wie zum Beispiel als ich darum bat, ein neues Programm auf der Arbeit gezeigt zu bekommen. Nachdem ich mein Interesse bekundete habe ich die wahrscheinlich lehrreichsten zweieinhalb Stunden in meinem gesamten Praktikum verbracht. Doch manchmal ist es eben auch besser, zu akzeptieren und nach vorne zu sehen. Das gilt für mich beispielsweise für die Leute, die ich dort kennengelernt habe. Man kann nicht mehr tun, als zu zeigen, dass man gerne bereit ist, gemeinsame Zeit zu verbringen. Was die anderen dann daraus machen, liegt nicht mehr bei einem selbst.

Ich könnte noch zahlreiche weitere Eigenschaften aufzählen, die ich dazu gewonnen oder in denen ich mich verbessert habe. Um es jedoch kurz zu fassen, sage ich einfach, dass diese Reise ein riesengroßer Gewinn für meine persönlich Entwicklung war. Ich bin über mich selbst hinausgewachsen und habe mich sicherlich auch in der ein oder anderen Hinsicht selbst gefunden (ein Klischee musste doch noch erfüllt werden und welches wäre in diesem letzten Artikel denn besser geeignet, als das der Selbstfindung auf einer langen Reise?). In jedem Fall danke ich allen, die mir diese Erfahrung ermöglicht haben und hoffe, dass es nicht die letzte dieser Art war.

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