Berlin

Zu Gast in der (anderen) Hauptstadt

Fast 15 lange Jahre habe ich in Brandenburg gelebt. Ich bin dort zur Schule gegangen, habe nach der Schule mit meinen Freunden draußen gespielt, bin erst mit dem Fahrrad und später mit dem Auto umhergefahren. Und doch kenne ich so wenig vom „Speckgürtel Berlins“ – die Landeshauptstadt zum Beispiel. Sicher bin ich schon ein paar flüchtige Male dort gewesen, habe mir das berühmte Schloss Sanssouci angesehen und danach in der Fußgängerzone mit meinen Eltern ein Eis gegessen. Doch noch nie habe ich die volle Schönheit der geschichtsträchtigen Stadt ganz bewusst aufgenommen; das Leben, den Trubel und auch die Ruhe der bekannten und weniger bekannten Viertel wahrgenommen. Gestern war es endlich so weit. Und es hat sich gelohnt.

Nach knapp anderthalb Stunden Fahrt erreichte ich gegen 13 Uhr den Potsdamer Hauptbahnhof. Die Stadt empfing mich von ihrer besten Seite: Sonnenschein, blauer Himmel, ein paar malerische Wolken und Temperaturen, die geradezu zu einer Sightseeing-Tour einluden. Mein erstes Ziel sollte die bekannte Flaniermeile „Brandenburger Straße“ sein, dem Boulevard Potsdams. Nach ca. zwanzig Minuten Fußweg erreichte ich die gut gefüllte Fußgängerzone – die Sommerferien machten sich auch hier bemerkbar. Sie bot eine große Auswahl zahlreicher Cafés und Restaurants, von simpel bis nobel. Ich entschied mich für eins, das wohl irgendwo dazwischen lag und genoss einen schon lang ersehnten Kaffee und einen wirklich guten veganen Bagel inmitten des Mittagstrubels.

Bei meinem Aufbruch zur nächsten Destination hatte ich es nicht weit; dem „Holländischen Viertel“ eilt ein Ruf voraus, der förmlich darum bittet, diesen besonderen Teil der Stadt zu besichtigen. Das tat ich dann auch und bereute sofort, auf meinen Kaffee nicht ein paar Schritte länger gewartet zu haben. Neben den tatsächlich sehr niederländisch wirkenden Häusern überzeugte das Quartier vor allem durch seine Vielzahl intimer Cafés in den süßen Gässchen und Hinterhöfen. Jedes versprühte seinen ganz eigenen Charme und zog einen fast schon magisch zu sich heran.

Als ich mich schließlich dem Zauber entzog, führte mich mein Weg vorbei am Nauener Tor – einem der drei noch vorhandenen Stadttore. Die Fülle der alten Bauwerke gibt einem beinahe das Gefühl, in eine andere Zeit versetzt zu sein. Die klassizistische Nikolaikirche, das neugotische Stadttor, der Alte Markt aus dem 18. Jahrhundert nach südländischem Vorbild aber auch die gewöhnlichen Häuser erinnern vielmehr an ein malerisches Dorf der Vergangenheit als an einen Ballungsraum des 21. Jahrhunderts.

Nach den hektischen urbanen Eindrücken sehnte ich mich nun nach etwas Ruhe und Grün. Der „Heilige See“ lag zwar nochmal ungefähr eine halbe Stunde zu Fuß entfernt, war den Marsch aber wert, da er seinem Namen wirklich alle Ehre machte. Obwohl eine vielbefahrene Straße das riesige Wasserbecken für die Allgemeinheit erreichbar machte, herrschte nur ein paar Meter weiter eine himmlische Lautlosigkeit. Der sorgfältig angelegte Wanderweg lud zwar wirklich zum Spazieren ein, hätte angesichts der Größe des Sees aber einfach meinen zeitlichen Rahmen gesprengt. Und so ging ich noch eine Weile parallel dazu im Genuss der friedlich Stille abseits der tosenden Straßen bis ich schließlich die letzte Station meines Ausflugs erreichte.

Wer schon einmal die Golden Gate Bridge gesehen hat, wird von der Glienicker Brücke nur schwer zu beeindrucken sein. Dennoch profitierte das historische Bauwerk an diesem Tag von dem phantastischen Wetter und war immerhin in voller Pracht zu sehen (während ihr kalifornischer Gegenspieler die meiste Zeit in Nebel oder Smog oder beides gehüllt ist). Die Brücke, die Brandenburg mit Berlin verbindet, ermöglicht zudem einen tollen Blick auf den Park Babelsberg.

Auf der langen Bahnfahrt nach Hause schmunzelte ich darüber, wie nur 30 km Entfernung einen so gewaltigen Unterschied zweier sich räumlich so naher Städte ausmachen konnte. Ich dachte an die tollen Schnappschüsse der alten Bauwerke, die im mir im Laufe des Tages gelungen sind. Und ich dachte an das pulsierende Nachtleben des modernen Berlins, das mir noch einen tollen Abend bescheren würde. 15 Jahre hin oder her – Zuhause ist eben doch einfach ein Gefühl …

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