Berlin

Eine Reise in die Vergangenheit

In einer Zeit, in der das Reisen vom einen auf den anderen Tag vom für selbstverständlich erachteten Hobby zum ungeahnten Risiko wird, liegt es an uns, die Perspektive zu ändern. Den Fokus wieder auf das Hier und Jetzt zu legen, anstatt immer meilenweit voraus zu planen. Es ist eine Zeit, in der wir die Chance bekommen, uns selbst und unsere Umgebung besser kennenzulernen. Wir werden zum Touri in unserer eigenen Stadt und bemerken plötzlich, was für interessante Ecken die Heimat zu bieten hat. Und was für eine bemerkenswerte Geschichte. Auf eine Reise in die Vergangenheit.

An einem wunderschönen Tag im Juli, es war der Geburtstag meines Vaters, war ich mit meiner Familie in der Stadt unterwegs. Berlin zeigte sich an diesem Tag von seiner schönsten Seite: klarer blauer Himmel, strahlender Sonnenschein und der Geruch von Sommer und Wochenende lag in der Luft. Wir hatten gerade eine Fahrt über die Spree hinter uns und sehnten uns nun nach einem ausgiebigen Spaziergang – der nahegelegene Treptower Park schien dafür ideal. Es war später Nachmittag und schon (oder immer noch) wimmelte es von Familien, Freundesgruppen, jungen und alten Paaren. Ich war schon einige Male in dem Park gewesen, immer als eine der Personen, die ausgelassen mit ihren Freunden herumalberte und den Feierabend bei dem wunderbaren Blick auf die Spree genoss.

An diesem Tag war das anders. Als mein Vater sagte, er wolle sich gerne die Gedenkstätte ansehen und wir den Schildern folgend den Trubel verließen, schien es, als wären wir nach den wenigen Fußminuten kilometerweit von der modernen, ausgelassenen Metropole entfernt. Es war plötzlich sehr ruhig, das Rauschen der Autos schien weit entfernt und nur noch das sommerliche Vogelgezwitscher erfüllte den Raum. Schon bald erreichten wir den Eingangsbereich des Sowjetischen Ehrenmals Treptower Park. Ein riesiges Rundbogenportal machte es unverfehlbar. Wir durchschritten es und erreichten linker Hand eine mit Trauerbirken gesäumte Allee, die schließlich zum zentralen Teil der Gedenkstätte führen würde. Allein der Weg dorthin war beeindruckend gestaltet und löste in mir, je näher wir dem Hauptteil kamen, gleichermaßen Erstaunen und Ehrfurcht aus.

Der zentrale Teil war imposant. Fünf riesige Rasenstücke von einem kunstvoll gestalteten Mosaikweg gerahmt symbolisieren Gemeinschaftsgräber. Sie liegen mittig des Areals, zu ihren Seiten 16 Sarkophage, die die einstigen Unionsrepubliken der Sowjetunion repräsentieren. Weiter hinten ragt schließlich eine 30 Meter hohe Bronzestatue in die Höhe. Auf einem Mausoleumshügel mit Krypta steht das Hauptmonument des Denkmals und zeigt einen Rotarmisten mit gesenktem Schwert auf einem zerschlagenen Hakenkreuz stehend, im Arm ein Kind.

Einer der beiden knienden Soldaten vor den sowjetischen Fahnen
Blick vom Hauptmonument auf die symbolischen Grabstätten
Hauptmonument: Ein Rotarmist mit einem Kind im Arm und einem gesenktem Schwert in der Hand auf dem zerschlagenen Hakenkreuz

Das am 8. Mai 1949 eröffnete Ehrenmal mit Soldatenfriedhof entstand im Zuge der Ausschreibung eines Wettbewerbs zur Gestaltung einer Gedenkstätte, die weniger dem Sieg über den Zweiten Weltkrieg, als vielmehr der Befreiung vom Nationalsozialismus gewidmet sein sollte. Das Gelände umfasst fast 100.000 m² Fläche.

Als wir später das Ehrenmal verließen, war ich zutiefst beeindruckt und einfach nur überwältigt. Natürlich war diese dunkle Zeit in der Geschichte Deutschlands ein vielfach thematisierter Inhalt zahlreicher Unterrichtsstunden in meiner Schulzeit gewesen. Die Verbrechen dieser Zeit waren mir nicht neu – und dennoch konfrontierte mich dieser Ort damit aufs Neue. Ich, als Teil einer Generation, die sich nicht einmal ansatzweise vorstellen kann, was sich damals zugetragen hat, hatte das Gefühl, die Geschichte hier ein kleines bisschen greifbarer zu erfahren und zu verstehen. Es fasziniert mich noch heute, wie dort ein Stück Geschichte auf eine zugleich unendlich traurige und überwältigend künstlerische Weise für die Ewigkeit festgehalten wurde. Dieser Ausflug wird mir auf jeden Fall noch eine ganze Weile erhalten bleiben.

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