Berlin

Berlin Tour Pt. I

Inmitten einer globalen Pandemie, in der Treffen mit Freunden zur Rarität, stundenlange Spaziergänge Normalität und Urlaube Absurdität wurden, in diesen Tagen haben wir auch die kleinen Dinge des Lebens wieder schätzen gelernt. Von einem dieser kleinen Dinge möchte ich heute berichten.

Vor mir lagen vier lange freie Tage – das Osterwochenende stand an. In wohl jedem anderen Jahr hätte ich mich vermutlich kaum halten können, einen günstigen Flug ins Warme zu ergattern oder den nächsten Städtetrip zu planen. Doch dieses Jahr ist nicht wie jedes andere. Das letzte war es ebenso wenig. Das Coronavirus bremst uns alle aus und um zumindest meinen kleinen Teil gegen die Ausbreitung des tödlichen Virus zu leisten, schluckte ich mein Fernweh herunter und blieb auch an diesem noch so verheißungsvollen, langen Wochenende in der Heimat. Der April sollte seinem Namen schon bald alle Ehre machen und der Hauptstadt die breite Palette aller Wettersensationen bereithalten. Nicht jedoch an diesen vier Tagen am Anfang des Monats. Ausgerechnet an diesem Wochenende gab die Sonne noch einmal alles und bescherte uns zahlreiche, schon fast urlaubsgleiche warme Stunden. Da konnte ich gar nicht anders als so schnell es nur ging die Wohnung zu verlassen und so viel Zeit wie irgend möglich an der frischen Luft zu verbringen.

Freitag war nahezu der schönste Tag und so beschlossen mein Freund und ich, in die Stadt zu fahren. Ausgerüstet mit Sonnenbrille, Kamera und einem guten, heißen Kaffee starteten wir unsere denkbar wenig geplante Tour in der Stadtmitte am Hackeschen Markt. Die Idee war, der Spree einfach Richtung Osten zu folgen. Alles andere würde sich schon von selbst ergeben. Und so liefen wir an diesem friedlich-sonnigen Karfreitag einfach drauf los und ich erhoffte mir, nebenbei zumindest ein paar gute Schnappschüsse von bekannten Sehenswürdigkeiten oder vielleicht sogar bislang unentdeckten Winkeln meiner Heimatstadt zu ergattern.

Beides ließ nicht lange auf sich warten. Schon wenige Fußminuten von unserem Startpunkt entfernt bot die Museumsinsel zahlreiche herrliche Fotomotive, die Dank des frühlingshaften Wetters in ihrer schönsten Pracht zu sehen (und fotografieren) waren.

Lustgarten in Berlin-Mitte
Säulen vor dem Pergamonmuseum

Weiter ging es durch das nostalgische Nikolaiviertel, das einen einfach jedes Mal aufs Neue mit seinem altertümlichen Charme verzaubert und scheinbar einige Jahrhunderte zurückversetzt.

Eine ganze Weile liefen wir schließlich einfach nur am Ufer entlang, genossen die ersten intensiven Sonnenstrahlen der Saison und den seltenen Genuss eines erstaunlich leeren Berlins.

Nach einem ganzen Fußmarsch erreichten wir am Nachmittag die Oberbaumbrücke und nutzten die Gelegenheit, die geschichtsträchtige East Side Gallery zu besichtigen. Nicht nur die zahllosen Kunstwerke an den historischen Mauerresten machen diesen Ort immer wieder aufs Neue sehenswert, besonders der einzigartige Blick die Spree hinunter und auf den berühmten „Molecule Man“, die Statue, die das Zusammentreffen der drei (ehemaligen) Berliner Bezirke Treptow, Kreuzberg und Friedrichshain symbolisiert, ist immer wieder einen Ausflug dorthin wert.

Molecule Man von der Elsenbrücke aus betrachtet

Getrieben vom Hunger, zunehmend schwerer werdenden Füßen und einem gar nicht so frühlingshaft peitschendem Wind machten wir uns allmählich auf den Heimweg. Über einen kurzen Abstecher am Treptower Park, über die Elsenbrücke und schließlich zum Ostkreuz beendeten wir unsere Tour. Ein wenig erschöpft aber nicht weniger ausgelassen kehrten wir kurz darauf in die eigenen vier Wände zurück. Am Ende des Tages hatten wir natürlich keine völlig neue Stadt entdeckt, unsere eigene dafür einmal neu. Nicht nur, dass man aus meiner Sicht die Dinge durch ein Objekt in einem ganz anderen Licht betrachtet. Auch empfinde ich so einen gemeinsamen Spaziergang als etwas völlig anders als den zügigen Walk durch den Kiez in der Mittagspause, um mal eben frische Luft zu schnappen. Besonders jetzt, wo gemeinsame Stunden so wertvoll und Aktivitäten außerhalb der eigenen Räumlichkeiten so selten geworden sind, kommt mir dieser Tag rückblickend schon fast urlaubsgleich vor. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mir deshalb keinen Urlaub außerhalb der Stadtgrenze mehr herbeisehnen würde. Diese ist schließlich auch endlich und auch der längste Spree-Spaziergang findet irgendwann sein Ende. Dennoch glaube ich, dass mir die Pandemie meine Heimat wieder ein Stückchen näher gebracht hat. Und dass das gut ist.

Am Anfang sprach ich von alltäglichen Dingen. Noch vor einigen Monaten zählte ein ausgiebiger Spaziergang am Fluss zu den alltäglichsten aller Dinge in meinem Leben. Jede Mittagspause lief ich am Wasser entlang, bis es mir selbst so selbstverständlich erschien, dass es mich schon beinahe langweilte. Heute ist es eine willkommene Abwechslung zum „Corona-Alltag“. Ich bin manchmal sauer, weil ich gerade so vieles nicht tun kann. Aber ich bin auch dankbar, weil ich viele Dinge, die ich vor einem Jahr für selbstverständlich gehalten habe jetzt wieder mehr zu schätzen weiß. Und ich hoffe, dass sich zumindest daran so bald nichts ändern wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.